Multivitamine: Warum die Gießkanne selten die Lösung ist
Ein Präparat für alles klingt praktisch. Doch große Studien zeigen: Multivitamine bringen gesunden Menschen kaum messbaren Nutzen. Wir erklären, warum gezielt oft besser ist als viel.

Multivitamine sind der Klassiker im Supplement-Regal. Eine Tablette, dutzende Nährstoffe, das gute Gefühl, an alles gedacht zu haben. Gerade ab 35, wenn man beginnt, mehr auf die Gesundheit zu achten, greifen viele reflexartig zu diesem Rundum-Paket.
Das Prinzip dahinter nennen wir die Gießkanne: Man verteilt ein bisschen von allem, in der Hoffnung, dass schon das Richtige dabei ist. Klingt vernünftig – ist es bei genauerem Hinsehen aber selten.
Denn der Körper ist kein Konto, auf das mehr Einzahlung automatisch mehr Gesundheit bedeutet. Schauen wir uns an, was die Forschung sagt.
Was große Studien zeigen
Die bislang umfangreichste Auswertung dazu stammt aus dem Jahr 2024: Forschende werteten Daten von rund 390.000 gesunden Erwachsenen über mehr als 20 Jahre aus. Das Ergebnis war eindeutig – die tägliche Einnahme von Multivitaminen war nicht mit einem geringeren Sterberisiko verbunden. Weder bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch bei Krebs zeigte sich ein Vorteil.
Das heißt nicht, dass Vitamine unwichtig wären – im Gegenteil. Es heißt nur: Bei Menschen, die bereits gut versorgt sind, bringt ein zusätzliches Multipräparat keinen messbaren Gewinn. Und die meisten Menschen in Mitteleuropa sind mit den meisten Vitaminen ausreichend versorgt.
Viel hilft nicht viel
Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Vorstellung, hohe Dosen könnten nicht schaden. Bei wasserlöslichen Vitaminen wird ein Überschuss meist ausgeschieden – man produziert im Wortsinn teuren Urin. Bei fettlöslichen Vitaminen wie A, D, E und K kann sich dagegen zu viel im Körper anreichern und Probleme verursachen.
Die Verbraucherzentrale weist seit Jahren darauf hin: Eine unnatürlich hohe Zufuhr isolierter Vitamine ist meist unnötig und kann in Einzelfällen sogar schaden. Der Nutzen liegt nicht in der Menge, sondern in der Bedarfsgerechtigkeit.
Wann Ergänzung trotzdem sinnvoll ist
Es gibt reale Situationen, in denen ein Mangel entstehen kann – und dann ist gezieltes Ergänzen richtig. Beispiele:
- Vitamin D in den dunklen Monaten, da unser Körper es über Sonnenlicht bildet und dieses im Winter fehlt.
- Vitamin B12 bei rein pflanzlicher Ernährung, da es fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vorkommt.
- Folsäure bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft.
- Eisen bei nachgewiesenem Mangel, etwa bei starker Menstruation.
Der entscheidende Unterschied: Hier wird ein konkreter, oft messbarer Bedarf gedeckt – nicht pauschal alles auf Verdacht. Genau das ist der Gegenentwurf zur Gießkanne.
Fazit
Für den gesunden Durchschnittsmenschen sind Multivitamine meist überflüssig. Sie beruhigen das Gewissen, ersetzen aber keine ausgewogene Ernährung und verlängern nach aktueller Studienlage kein Leben.
Sinnvoller ist der gezielte Blick: Habe ich einen konkreten Mangel oder ein erhöhtes Risiko? Wenn du dir unsicher bist, lohnt sich ein Bluttest und ein Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt – besonders, wenn du Medikamente nimmst oder Vorerkrankungen hast. Gezielt schlägt Gießkanne, fast immer.
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Quellen
- Multivitamin Use and Mortality Risk in 3 Prospective US Cohorts, JAMA Network Open (2024): https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2820369
- National Cancer Institute – Multivitamins do not lower risk of death (2024): https://www.cancer.gov/news-events/press-releases/2024/multivitamins-do-not-lower-risk-of-death
- Verbraucherzentrale – Vitaminprodukte: Viel hilft viel, stimmt das?: https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/vitaminprodukte-viel-hilft-viel-stimmt-das-8589
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