Sitting-Rising-Test: Was das Aufstehen vom Boden über deine Fitness verrät
Hinsetzen, aufstehen, keine Hände: Ein simpler Test aus Rio bündelt Kraft, Balance und Beweglichkeit – und hängt in Studien eng mit dem Sterberisiko zusammen.

Auf einen Blick
- Der Test: Hinsetzen auf den Boden und wieder aufstehen, mit so wenig Hilfe wie möglich – je 5 Punkte für beide Richtungen, jede Stütze kostet 1 Punkt, jeder Wackler 0,5. Dauer: unter zwei Minuten, kein Gerät nötig.
- Die Zahlen (2025, 4.282 Personen, 46–75 Jahre, Median 12,3 Jahre Beobachtung): 3,7 Prozent Todesfälle bei voller Punktzahl, 11,1 Prozent bei 8 Punkten, 42,1 Prozent bei 0 bis 4 Punkten. Bereinigt: 3,8-fach höheres Risiko für natürliche und rund 6-fach höheres für Herz-Kreislauf-Todesursachen in der schwächsten Gruppe.
- Der Haken: Beobachtungsdaten aus einer einzigen Privatklinik. Der Test zeigt ein Risiko an – er beweist nicht, dass Üben das Risiko senkt.
- Was du daraus machst: Kraft, Beweglichkeit und Gleichgewicht gezielt trainieren – die WHO empfiehlt Krafttraining an mindestens zwei Tagen pro Woche, ab 65 zusätzlich Gleichgewichtsübungen.
Warum ein Bodentest ab der Lebensmitte interessant ist
Vom Boden aufstehen – ohne Hände. Schaffst du das? Fitness messen wir meist an Laufzeiten, Gewichten oder Schritten. Ob man sich auf den Boden setzen und ohne Abstützen wieder hochkommen kann, gilt dagegen als Kinderspiel – oder als Frage fürs hohe Alter. Dabei prüft genau diese Bewegung Fähigkeiten, die ab 35 oft schleichend nachlassen und in keinem Schrittzähler auftauchen.
Der sogenannte Sitting-Rising-Test (SRT) stammt aus einer Sportmedizin-Klinik in Rio de Janeiro und wird dort seit den späten 1990er-Jahren eingesetzt. 2025 erschien im European Journal of Preventive Cardiology die bisher größte Auswertung: 4.282 Menschen zwischen 46 und 75 Jahren, im Median 12,3 Jahre beobachtet. Das Ergebnis ist deutlich – und wird gern überinterpretiert.
So läuft der Test ab – und so wird gewertet
Der Ablauf ist simpel und braucht kein Gerät. Wichtig ist die Einordnung des Studienleiters: Der SRT ist als Screening unter Aufsicht gedacht, nicht als Übung und nicht als Selbsttest auf dem Wohnzimmerboden.
- Ausgangsposition: barfuß auf rutschfestem Boden stehen.
- Hinsetzen: auf den Boden setzen, mit so wenig Hilfe wie möglich – ohne Hände, Unterarme, Knie oder Beinseite abzustützen.
- Aufstehen: aus dem Sitz wieder in den Stand kommen, ebenfalls möglichst ohne Stütze.
- Werten: Für Hinsetzen und Aufstehen gibt es je 5 Punkte. Jede Stütze – Hand, Unterarm, Knie, Beinseite – kostet einen Punkt, ein Wackler einen halben.
Wer 10 Punkte erreicht, sitzt und steht frei; wer beides nur mit fremder Hilfe schafft, landet bei 0. Damit prüft der Test in unter zwei Minuten gleichzeitig Kraft, Beweglichkeit, Gleichgewicht und Körperzusammensetzung.
Was die Zahlen sagen
Die Zahl, die man sich merken sollte: In der Gruppe mit der vollen Punktzahl starben im Beobachtungszeitraum 3,7 Prozent der Teilnehmenden, bei 8 Punkten waren es 11,1 Prozent, in der schwächsten Gruppe (0 bis 4 Punkte) 42,1 Prozent.
| SRT-Score | Todesfälle im Beobachtungszeitraum |
|---|---|
| 10 Punkte (volle Punktzahl) | 3,7 Prozent |
| 8 Punkte | 11,1 Prozent |
| 0 bis 4 Punkte | 42,1 Prozent |
Nach Bereinigung um Alter, Geschlecht, BMI und klinische Faktoren blieb ein 3,8-fach höheres Risiko für natürliche Todesursachen und ein rund 6-fach höheres für Herz-Kreislauf-Tod bei den Schwächsten gegenüber den Besten. Eine ältere Auswertung derselben Klinik (2.002 Personen, 51 bis 80 Jahre, veröffentlicht 2014) kam auf ein ähnliches Bild: Jeder Punkt mehr ging mit rund 21 Prozent besseren Überlebenschancen einher.
Warum die Herzmediziner aufhorchen
Fitness heißt in der Kardiologie meist Ausdauer. Der Bodentest deckt den anderen Teil ab, den die Autoren „nicht-aerobe Fitness“ nennen – Komponenten, die einzeln längst mit dem Sterberisiko verknüpft sind und hier ohne Gerät gemeinsam sichtbar werden:
- Muskelkraft und Schnellkraft: aus der Hocke hochzukommen ist eine echte Kraftleistung, vor allem für die Oberschenkel.
- Beweglichkeit: ohne mobile Hüften und Sprunggelenke wird schon der Weg nach unten wackelig.
- Gleichgewicht: jeder Wackler kostet einen halben Punkt – und ist im Alltag ein Warnsignal fürs Sturzrisiko.
- Körperzusammensetzung: viel Gewicht bei wenig Muskel macht die Bewegung messbar schwerer.
Der ehrliche Haken: Marker, nicht Ursache
So eindrucksvoll die Zahlen sind, so wichtig ist die Einordnung. Es handelt sich um Beobachtungsdaten aus einer einzigen Privatklinik, die Teilnehmenden waren überwiegend wohlhabend und gut gebildet, zwei Drittel Männer. Der Test zeigt, wer ein höheres Risiko trägt – er beweist nicht, dass Üben das Risiko senkt. Ob ein durch Training verbesserter Score auch das Überleben verbessert, nennen die Autoren selbst als offene Frage für künftige Studien.
Und: Der Studienleiter betont, dass der SRT ein Screening unter Aufsicht ist, kein Selbsttest und keine Übung. Wer Knie- oder Hüftprobleme hat, Schwindel kennt oder lange inaktiv war, probiert das nicht allein auf dem Wohnzimmerboden aus.
Fehler, die du vermeiden solltest
- Den Score als Diagnose lesen. Ein niedriger Wert ist ein Hinweis auf fehlende Kraft, Beweglichkeit oder Balance – kein Urteil über deine Lebenserwartung.
- Den Test als Trainingsübung wiederholen. Er ist ein Messinstrument. Trainiert werden die Bausteine dahinter, nicht die Bewegung bis zur Erschöpfung.
- Allein und unvorbereitet loslegen. Bei Gelenkproblemen, Schwindel oder langer Inaktivität gehört der Test unter Aufsicht – oder gar nicht auf den Plan.
- Nur auf Ausdauer setzen. Laufen und Radfahren decken die „aerobe“ Seite ab. Die vier oben genannten Komponenten brauchen eigene Reize.
Was du daraus für dein Training ziehen kannst – und wie du steigerst
Der Test taugt weniger als Übung, aber gut als Erinnerung, was ab der Lebensmitte oft zu kurz kommt. Die WHO-Bewegungsleitlinie empfiehlt Erwachsenen neben Ausdauer an mindestens zwei Tagen pro Woche Krafttraining der großen Muskelgruppen, ab 65 zusätzlich Gleichgewichts- und Kraftübungen an drei oder mehr Tagen. Alltagstauglich heißt das:
- Kniebeugen und Ausfallschritte – die Bewegung, die das Aufstehen vom Boden nachbildet, nur kontrolliert und dosierbar.
- Einbeinstand beim Zähneputzen – zwei Minuten täglich für das Gleichgewicht, das der Test so streng bewertet.
- Hüft- und Sprunggelenksmobilität – ein paar Minuten nach dem Training, damit die tiefe Hocke überhaupt erreichbar bleibt.
- Öfter auf dem Boden sitzen – beim Spielen mit Kindern, beim Dehnen, beim Lesen. Wer den Weg regelmäßig geht, verlernt ihn nicht.
Progression: Wer heute noch eine Hand braucht, arbeitet zuerst an der Bewegung selbst – Kniebeugen mit Festhalten, dann frei, dann tiefer. Gleichgewicht steigert sich vom beidbeinigen Stand über den Einbeinstand bis zum Einbeinstand mit geschlossenen Augen. Beweglichkeit kommt über regelmäßiges, kurzes Üben, nicht über einzelne lange Einheiten. Das Ziel ist nicht der perfekte Score, sondern dass die Bewegung im Alltag selbstverständlich bleibt.
Häufige Fragen
Ist der Sitting-Rising-Test ein Selbsttest für zu Hause?
Nein. Der Studienleiter beschreibt ihn ausdrücklich als Screening unter Aufsicht, nicht als Selbsttest oder Übung. Bei Knie-, Hüftproblemen, Schwindel oder langer Inaktivität nicht allein ausprobieren.
Wie wird der Test gewertet?
Je 5 Punkte für Hinsetzen und Aufstehen. Jede Stütze (Hand, Unterarm, Knie, Beinseite) kostet einen Punkt, ein Wackler einen halben. 10 Punkte heißt frei sitzen und stehen, 0 heißt nur mit fremder Hilfe.
Beweist der Test, dass ich länger lebe, wenn ich ihn übe?
Nein. Die Daten zeigen einen Zusammenhang zwischen Score und Sterberisiko, aber nicht, dass Üben das Risiko senkt. Das nennen die Autoren selbst als offene Frage.
Was trainiere ich stattdessen?
Die Bausteine des Tests: Kraft (Kniebeugen, Ausfallschritte), Gleichgewicht (Einbeinstand) und Beweglichkeit von Hüfte und Sprunggelenk – im Rahmen der WHO-Empfehlung von Krafttraining an mindestens zwei Tagen pro Woche.
Fazit
Der Sitting-Rising-Test ist kein Orakel, aber ein ehrlicher Spiegel: Er bündelt Kraft, Beweglichkeit und Balance in einer Bewegung – Fähigkeiten, die in großen Kohorten mit dem Sterberisiko zusammenhängen. Wer merkt, dass es ohne Hände nicht mehr geht, hat keinen Grund zur Panik, aber einen guten Grund für Kraft- und Gleichgewichtstraining. Belegt ist der Zusammenhang; dass Üben das Risiko senkt, ist plausibel, aber nicht gezeigt.
Weiterlesen: Griffkraft: Warum dein Händedruck das Sterberisiko besser vorhersagt als der Blutdruck · Balance-Training: Warum dein Gleichgewicht früher nachlässt, als du denkst
Quellen
- Araújo et al., European Journal of Preventive Cardiology: Sitting-rising test scores predict natural and cardiovascular causes of deaths – 4.282 Personen, 46–75 Jahre, Median 12,3 Jahre Follow-up (2025)
- Brito et al., European Journal of Preventive Cardiology: Ability to sit and rise from the floor as a predictor of all-cause mortality – 2.002 Personen, 51–80 Jahre (2014)
- TCTMD: Einordnung der Studie mit Stellungnahmen von Studienleiter Araújo („Screening-Tool, kein Selbsttest“) und Kardiologe Prashant Rao (2025)
- Bull et al., British Journal of Sports Medicine: WHO-Leitlinie 2020 zu körperlicher Aktivität – Krafttraining an mindestens zwei Tagen, ab 65 Balance- und Kraftübungen an drei oder mehr Tagen (2020)
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