Sport

Exzentrisches Training: Reicht die Bremsphase allein?

Drei Sekunden Absenken am Tag sollen die Kraft steigern. Was die vielzitierte Studie wirklich zeigt – und wie du die Bremsphase sinnvoll nutzt.

Mann im Fitnessstudio führt einen Konzentrations-Curl aus und senkt die Kurzhantel kontrolliert ab
Gesundheitshinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische, ernährungswissenschaftliche oder therapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die Informationen beruhen auf öffentlich zugänglichen Quellen (Stand: September 2026) und stellen kein Heil-, Wirk- oder Genesungsversprechen dar. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung. Bei Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, in Schwangerschaft/Stillzeit sowie vor der Einnahme von Supplementen wende dich an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Apotheke.

Muskeln wachsen beim Heben? Halbe Wahrheit.

Wer eine Hantel bewegt, denkt an den Weg nach oben. Das Ablassen passiert nebenbei. Dabei ist genau diese nachgebende Phase, exzentrische Kontraktion genannt, jene, in der der Muskel unter Spannung länger wird: beim Absenken der Hantel, beim Hinsetzen, bei jeder Treppenstufe abwärts. Zeit für einen ehrlichen Blick auf das, was die Bremsphase leistet.

Auf einen Blick
  • 12,8 Prozent mehr konzentrische Maximalkraft brachte die exzentrische Gruppe der japanischen 3-Sekunden-Studie – bei 13 jungen Untrainierten pro Gruppe, gemessen am isokinetischen Dynamometer
  • Die Muskeldicke veränderte sich in keiner Gruppe – es ging um neuronale Kraftgewinne, nicht um Muskelaufbau
  • 8 randomisierte Studien mit 441 Teilnehmenden zeigen moderate bis große Verbesserungen bei Kraft und Muskelzuwachs, besonders bei älteren Menschen
  • 19 Studien an über 55-Jährigen: klarer Vorteil bei Alltagstests, bei der isometrischen Kniestreckerkraft statistisch nicht belegt
  • 3 bis 4 Sekunden absenken genügen als Richtwert – kein neues Gerät, kein neues Programm nötig
  • Der Preis: deutlich mehr Muskelkater als beim Heben – deshalb mit einer Übung und wenigen Wiederholungen starten

Warum die Bremsphase mit den Jahren interessanter wird

Die kurze Antwort auf die Titelfrage vorweg: Nein, die Bremsphase allein ersetzt kein Training. Interessant ist sie aus einem anderen Grund. Exzentrisch kann ein Muskel mehr Last kontrollieren als beim Heben, und das bei geringerem Energie- und Sauerstoffverbrauch – viel mechanische Spannung bei vergleichsweise niedriger Kreislaufbelastung.

Genau dort liegt der belegte Nutzen: In einer Metaanalyse von acht randomisierten Studien fielen die Verbesserungen bei Kraft und Muskelzuwachs besonders bei älteren Menschen moderat bis groß aus. Eine zweite Metaanalyse mit 19 Studien an Menschen über 55 zeigt den Gewinn dort, wo er im Alltag zählt: beim Aufstehen vom Stuhl und im Aufstehen-und-Gehen-Test. Belegt ist also der funktionelle Gewinn im Alltag, nicht die pauschale Überlegenheit der Bremsphase.

Was die 3-Sekunden-Studie wirklich zeigt

Bekannt wurde das Thema durch eine kleine japanische Studie von 2022: Junge, untrainierte Erwachsene führten vier Wochen lang an fünf Tagen pro Woche je eine einzige dreisekündige maximale Kontraktion der Ellenbogenbeuger aus. Die exzentrische Gruppe steigerte ihre konzentrische Maximalkraft um 12,8 Prozent.

Die Zahl ist echt, der Kontext entscheidend. Gemessen wurde an einem isokinetischen Dynamometer, nicht mit einer Hantel zu Hause, bei 13 Personen pro Gruppe. Die Gruppen mit Heben oder Halten verbesserten sich ebenfalls, nur schwächer und jeweils nur in einer Messgröße (6,3 bzw. 7,2 Prozent). Die Muskeldicke veränderte sich in keiner Gruppe.

  • Es ging um neuronale Kraftgewinne, nicht um Muskelaufbau.
  • Untersucht wurden junge Untrainierte, nicht Menschen ab 35.
  • Das Protokoll ist ohne Laborgerät nicht nachzumachen.
  • Drei Sekunden am Dynamometer sind damit ein Laborbefund, kein Trainingsplan.

Heben, Bremsen, Halten – was in der Bremsphase anders läuft

Exzentrisch arbeitet ein Muskel, wenn er Spannung hält und dabei nachgibt. Der Unterschied zu den beiden anderen Arbeitsweisen lässt sich an einer Hantel durchspielen:

  • Heben (konzentrisch): Muskel verkürzt sich, die Hantel geht nach oben.
  • Bremsen (exzentrisch): Muskel gibt unter Spannung nach, die Hantel geht kontrolliert nach unten.
  • Halten (isometrisch): Die Länge bleibt gleich, etwa beim Plank.
  • Im Alltag exzentrisch: Treppe abwärts, Hinsetzen, bergab gehen, Tasche abstellen.

Die Studienlage jenseits des Laborversuchs

Drei Arbeiten tragen die Einordnung. Nebeneinandergelegt zeigen sie, wo die Befunde stabil sind – und wo nicht:

StudieUmfangBefundEinschränkung
Sato et al. 2022 (3-Sekunden-Studie)13 Personen pro Gruppe, 4 Wochen, 5 Tage pro Woche, je eine dreisekündige maximale Kontraktionexzentrisch +12,8 % konzentrische Maximalkraft; Heben bzw. Halten 6,3 bzw. 7,2 % – jeweils nur in einer MessgrößeMuskeldicke in keiner Gruppe verändert; isokinetischer Dynamometer statt Hantel; junge Untrainierte
Metaanalyse 2026 (Miarka et al.)8 randomisierte Studien, 441 Teilnehmendemoderate bis große Verbesserungen bei Kraft und Muskelzuwachs, besonders bei älteren Menschen; kaum Wirkung auf Blutdruck, Herzfrequenz und SehnenstrukturVorsprung gegenüber konzentrischem Training nur moderat, hohe Streuung, Studiendauer von einer Einheit bis zu zwölf Wochen – keine belastbare Dosisempfehlung
Metaanalyse 2022 (Čretnik et al.)19 Studien an Menschen über 55klar besser bei Alltagstests: Aufstehen vom Stuhl, Aufstehen-und-Gehen-Testbei der isometrischen Kniestreckerkraft war der Vorsprung statistisch nicht belegt

Auf Blutdruck, Herzfrequenz und Sehnenstruktur wirkte exzentrisches Training kaum. Im direkten Vergleich mit konzentrischem Training fiel der Vorsprung moderat aus, die Streuung war hoch, und die Studiendauer reichte von einer Einheit bis zu zwölf Wochen. Eine belastbare Dosisempfehlung ergibt das nicht.

So baust du die Bremsphase ein – Schritt für Schritt

Du brauchst kein neues Gerät und kein neues Programm. Es genügt, bei Übungen, die du ohnehin machst, den Weg nach unten bewusst zu verlangsamen. Drei bis vier Sekunden sind ein guter Richtwert, in der ersten Woche gern kürzer.

  1. Eine Übung auswählen und wenige Wiederholungen ansetzen – nicht das ganze Programm auf einmal umstellen.
  2. Kniebeuge zum Stuhl: vier Sekunden absenken, kurz aufsetzen, normal aufstehen.
  3. Liegestütz: langsam bis zum Boden, dann mit den Knien hochdrücken.
  4. Wadenheben: beidbeinig hoch, einbeinig langsam ablassen – dabei festhalten.
  5. Treppe: abwärts kontrolliert gehen statt sich fallen zu lassen.
  6. Während des Absenkens weiteratmen, nicht pressen.

Häufige Fehler – und wann du ärztlich abklären solltest

  • Zu viel auf einmal: Die Bremsphase erzeugt deutlich mehr Muskelkater als das Heben. Mit einer Übung und wenigen Wiederholungen starten.
  • Zu kurze Pausen: Zwischen den Einheiten genug Zeit lassen.
  • Das Laborprotokoll kopieren: Eine dreisekündige Maximalkontraktion pro Tag ist am Dynamometer gemessen – zu Hause nicht nachzumachen und kein Ersatz für ein Training.
  • Pressatmung beim Absenken statt ruhig weiterzuatmen.
  • Beschwerden übergehen: Bei akuten Sehnen-, Gelenk- oder Rückenbeschwerden gehört das Thema zuerst zur Ärztin oder zum Physiotherapeuten.

Progression: wie es nach den ersten Wochen weitergeht

Die Steigerung läuft nicht über mehr Gewicht, sondern über die drei Größen, die du ohnehin in der Hand hast – und immer nur eine davon auf einmal:

  1. Tempo: von kürzeren Absenkphasen in der ersten Woche auf drei bis vier Sekunden.
  2. Umfang: erst mehr Wiederholungen in der einen Übung, dann eine zweite Übung dazu.
  3. Hebel: beim Wadenheben vom beidbeinigen auf das einbeinige Ablassen wechseln – mit Festhalten.
  4. Kontrolle statt Steigerung: Bleibt der Muskelkater deutlich, ist die nächste Stufe noch zu früh.

Fazit

Die Bremsphase ist der am leichtesten zu hebende Reiz im Krafttraining: keine zusätzliche Zeit, kein Gerät, kein schwereres Gewicht, nur Aufmerksamkeit auf dem Weg nach unten. Dass sie Kraft und Alltagsfunktion verbessert, ist ordentlich belegt. Dass drei Sekunden ein Training ersetzen, ist es nicht. Nutze sie als Ergänzung zu dem, was du ohnehin tust – und dosiere sie anfangs mit Respekt vor dem Muskelkater.

Häufige Fragen zum exzentrischen Training

Reichen drei Sekunden pro Tag wirklich als Training?

Nein. Der Befund stammt aus einem Laborversuch mit 13 jungen Untrainierten pro Gruppe an einem isokinetischen Dynamometer. Zugelegt hat dort die konzentrische Maximalkraft um 12,8 Prozent – die Muskeldicke veränderte sich in keiner Gruppe. Es ging um neuronale Kraftgewinne, und das Protokoll ist ohne Laborgerät nicht nachzumachen.

Wie langsam soll ich ablassen?

Drei bis vier Sekunden sind ein guter Richtwert, in der ersten Woche gern kürzer. Wichtiger als die exakte Sekundenzahl ist, dass die Bewegung kontrolliert bleibt und du dabei weiteratmest.

Warum ist der Muskelkater nach der Bremsphase stärker?

Dass exzentrische Belastung deutlich mehr Muskelkater auslöst als das Heben, ist der bekannte Preis dieser Phase. Praktische Folge: mit einer Übung und wenigen Wiederholungen starten und zwischen den Einheiten genug Zeit lassen.

Kann exzentrisches Training normales Krafttraining ersetzen?

Dafür gibt die Studienlage zu wenig her. Im direkten Vergleich mit konzentrischem Training fiel der Vorsprung moderat aus, die Streuung war hoch, und die Studiendauer reichte von einer Einheit bis zu zwölf Wochen – eine belastbare Dosisempfehlung ergibt das nicht. Belegt ist der funktionelle Gewinn im Alltag, besonders bei älteren Menschen; die Bremsphase ist damit eine Ergänzung, kein Ersatz.

Weiterlesen bei NutriZone

Quellen

NutriZone-Newsletter
Jeden Sonntag ein ehrlicher Impuls für die Woche: Ernährung, Sport, Supplements und Equipment ab 35 – mit Quellen statt Behauptungen. Nach der Bestätigung bekommst du die Supplement-Checkliste ab 35 kostenlos als PDF. → Zum NutriZone-Newsletter
Über den Autor – Richard Kuhn. Ich schreibe hier nicht als Mediziner oder Ernährungswissenschaftler, sondern als kritischer, quellenbasierter Rechercheur und Herausgeber. Meine Stärke ist methodisches Recherchieren und verständliche Aufbereitung — ich werte öffentlich zugängliche, möglichst wissenschaftliche Quellen (Studien, EFSA/AGES, Fachliteratur) aus und ordne sie kritisch ein. Wo die Studienlage dünn ist, sage ich das offen. Das ist recherchierte Information, keine medizinische Beratung. Mehr über Arbeitsweise, Quellen und Finanzierung: Über uns.

Der NutriZone-Newsletter

Jeden Sonntag ein kostenloser, ehrlicher Impuls für deine Woche.

Weitere Ratgeber

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert